Leben und Verfolgung in der NS-Zeit

Nach der Machtübernahme Hitlers in Berlin 1933 gelang es auch der hiesigen NSDAP, Haßlinghausen „gleichzuschalten": Wilhelm Kraft wurde unverzüglich beurlaubt und durch NSDAP-Mandatsträger bzw. willfährige Bürger ersetzt.

Für die Familie Kraft brach nun eine schwere Zeit an. Der bekannte Sozialdemokrat mit dem hohen Ansehen in der Bevölkerung war der Führungsschicht ein Dorn im Auge.

Die Konsumgenossenschaft, mittlerweile als „Bergische Lebensmittel GmbH" entpolitisiert und regimetreu, entließ ihren Haßlinghauser Filialleiter. Am 8. Juni 1934 wurde Krafts Sohn Karl, inzwischen selbst Familienvater, verhaftet, am 25. Juni Wilhelm Kraft selbst. Vater und Sohn saßen zunächst im Gerichtsgefängnis Dortmund ein. Beschuldigt wurden sie, „das hochverräterische Unternehmen, die Verfassung des Deutschen Reiches mit Gewalt zu ändern, vorbereitet zu haben" Am 16. März 1935 begann der Prozess, geführt von der Generalstaatsanwaltschaft Hamm. Gemeinsam mit Wilhelm und Karl Kraft wurden 44 Männer und Frauen aus Düsseldorf, Linderhausen, Gevelsberg und Haßlinghausen des Hochverrats angeklagt. Überwiegend als Mitglieder der verbotenen KPD hatten sie Flugblätter gedruckt und verteilt, die sich unter anderem gegen Lohnabbau und für unabhängige Gewerkschaften aussprachen und vor allem zum „Massenkampf gegen den Faschismus" aufriefen.

Wilhelm Kraft hatte zugegeben, 50 Pfennig für die KPD gespendet und „auch einmal die [KPD-Zeitung] 'Freiheit' für 10 oder 20 Pfennig gekauft zu haben“. Nach Aussagen seiner Tochter war die Geldspende zur Unterstützung für die Familien inhaftierter KPD-Mitglieder vorgesehen. Es reichte aus, Wilhelm Kraft für ein Jahr und 8 Monate hinter Zuchthaus-Gitter zu bringen.

1936 kehrte er nach Haßlinghausen zurück. Ein eigenes Gewerbe anzumelden, wurde ihm untersagt, ebenso die Erlaubnis, den Führerschein zu machen. Gemeinsam mit Alma Löhken, seiner früheren Stellvertreterin aus dem Konsum und unter deren Namen gründete Wilhelm Kraft ein Lebensmittel-Auslieferungsgeschäft in den ehemaligen Konsum-Räumen am Wechtenbruch, später an der Gevelsberger Mittelstraße. Die Fahrten machte Wilhelm Kraft mit einem motorisierten Dreirad, für das er keinen Führerschein benötigte.

Er hätte es besser haben können: Seine Tochter Grete berichtete, dem Vater sei mehrfach die NSDAP-Mitgliedschaft angetragen worden. Mit einem so beliebten und bekannten „Überläufer“ hätten die Nazis an Ansehen und Rückhalt in der Bevölkerung gewonnen und den Prestigegewinn auch entsprechend honoriert. Wilhelm Kraft lehnte dies stets ab; auch das Zuchthaus hatte ihn nicht gebeugt. Ein ehemaliger Hitler-Junge erinnert sich noch 1995 daran, dass Wilhelm Kraft das Vorbeimarschieren des militärischen Nachwuchses mit der gereckten Faust kommentierte, dem alten Gruß der Arbeiterbewegung.

Als dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 eine Verhaftungswelle im Rahmen der Aktion „Gewitter“ folgte, wurde der unbotmäßige Sozialdemokrat, mittlerweile 60 Jahre alt, erneut verhaftet und mit ihm einige andere ehemalige Kreis- und Gemeindevertreter der SPD und KPD aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis. Seiner Familie konnte Kraft nun kein Lebenszeichen mehr zukommen lassen.

Der Gevelsberger Erwin Schweinsberg berichtete später von seiner Begegnung mit Wilhelm Kraft im Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Berlin. Kraft war also dort inhaftiert. Und schriftliche Quellen belegen, dass er dort im Januar 1945 in der Krankenstation war.

Vor der anrückenden Front im Frühjahr 1945 wurde das Lager teilweise geräumt. Ab dem 20. April trieb die SS die entkräfteten Häftlinge in einem Todesmarsch vor sich her. „Im Wald von Bele“, so erinnerte sich Schweinsberg, „wurden Hunderte von Kranke, die nicht mehr weiterkonnten, erschossen. Auf diese Weise sind die beiden SPD-Genossen Peter Alfs aus Ennepetal-Milspe und Wilhelm Kraft aus Haßlinghausen ums Leben gekommen.“

Da Wilhelm Krafts Ermordung nur durch den Zeitzeugen aus Gevelsberg belegt ist, wurde er wie viele andere auch, über die es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, nachträglich zum Tag des Kriegsendes, dem 8. Mai 1945, für tot erklärt.