Loverboys - die unbekannte Gefahr für junge Mädchen

Bei der Ankündigung der Veranstaltung Loverboys, die am 10. April 2014 in der Wilhelm-Kraft-Gesamtschule stattfand, reagierten viele Angesprochene überrascht, weil ihnen das Thema zumeist unbekannt war. Einige hatten allerdings den ARD Schimanski-Film im letzten Herbst gesehen, der sich damit auseinandersetzte.

Als Loverboys bezeichnet man junge Männer, die Mädchen zwischen 11 und 18 Jahren durch verschiedene Methoden in eine Abhängigkeit und schließlich in einen Sumpf von Prostitution, Drogen und Kriminalität ziehen, aus dem es fast kein Entkommen gibt. Loverboys finden ihre Opfer häufig in den sozialen Netzwerken, andere sprechen sie auf der Straße an. Anfangs wird die große Liebe vorgegaukelt, Komplimente und teure Geschenke gemacht und schließlich findet der erste Sex statt, oft mit Einverständnis der Mädchen. Die, wie die Hauptreferentin Bärbel Kannemann vom Verein No Loverboys betont, immer häufiger aus gehobenem sozialem Milieu stammenden Mädchen werden schließlich systematisch vergewaltigt, physisch und psychisch unter Druck gesetzt und können sich niemandem anzuvertrauen, am wenigsten den Eltern, zu groß ist die Scham über das Erlebte. „Sie haben das Gefühl, selbst Schuld an ihrer Situation zu sein“, so Kannemann, die bis zu ihrer Pensionierung 38 Jahre Polizeikommissarin war. „Andere lieben ihren Peiniger trotz allem und wollen ihn nicht verlieren.“ Oft sind die Eltern ahnungslos und werden Opfer eines Phänomens, von dem sie nie zuvor gehört haben.

In jedem Fall war es keine leichte Kost, weder für die Achtklässler der Gesamtschule noch für die Eltern, Mitarbeiter/innen aus Beratungsstellen, Jugendämtern, Schulen und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe im Ennepe-Ruhr-Kreis.

Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler waren geprägt von Entsetzen und Fassungslosigkeit über den gezeigten Film, in dem Opfer aus den Niederlanden ihre Leidensgeschichten erzählen und den Bericht über die Fälle in Deutschland. „Am meisten schockiert hat mich, dass die Mädchen oft von mehreren Männer vergewaltigt werden,“ sagt Thilaksan, 16, „ und ich finde es sehr mutig, dass die Mädchen aus dem Film trotz der Angst vor den Tätern darum kämpfen, wieder ein normales Leben führen zu können.“ Dem stimmt die 14-jährige Jessica zu: „ Es gehört schon viel Selbstbewusstsein dazu, öffentlich über die furchtbaren Erlebnisse zu sprechen. „Es kann ja überall passieren, dass ein Mädchen in die Fänge eines Loverboys gerät, ohne dass es jemand mitbekommt“ sagt Clara, 13; sie will in Zukunft aufmerksamer sein, damit so etwas nicht ihren Freundinnen passiert.

Und auch auf die Aussage, dass sich bislang an jeder Schule, an der es eine Infoveranstaltungen gab, Betroffene gemeldet haben, reagierten viele im Publikum sehr betroffen.

Bei der Abendveranstaltung für das erwachsene Publikum, zu der ca. 80 Personen erschienen waren, wurden Fragen gestellt wie: Wie können wir unsere Kinder schützen? Wer wird zum Opfer? Eine Gemeinsamkeit ist, dass die meisten Mädchen eine gutes Verhältnis zu den Eltern haben, aber auch deren Trennung  erlebt haben und zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme in einer Krise stecken, die von den Loverboys erkannt und ausgenutzt wird. Immer weiter werden Beziehungen in Frage gestellt und die Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert. Manche Loverboys haben die Masche, sich in die Familien einzuschleichen und den Eindruck zu erwecken, sie hätten ernste Absichten, so dass Eltern oft nicht glauben können, was sie später erfahren. Es gibt Mädchen, die 2 Jahre lang ein Doppelleben geführt haben, berichtet Frau Kannemann. Auch die Frage, ob Fälle zur Anzeige gebracht und zu einer Verurteilung gekommen sind, interessiert die Anwesenden. Die Opferanwältin Frau Tahden-Farhat aus Gevelsberg klärt darüber auf, dass Loverboy kein Straftatbestand ist. Es werden aber Delikte wie Vergewaltigung, Körperverletzung,  und Freiheitsberaubung zur Anzeige gebracht. Verurteilungen scheitern aber in vielen Fällen daran, dass die Mädchen nicht aussagen wollen oder können, weil die Angst der jungen Frauen so groß ist, dass sich die Loverboys an ihnen oder ihren Familien rächen werden. Viele Mädchen sind auch erst nach einer Therapie in der Lage, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und Anzeige zu erstatten.

Margarete Kummer von der Diakonie Mark-Ruhr hatte bereits 2012 eine Veranstaltung mit Bärbel Kannemann vom Verein No-Loverboys in Hagen durchgeführt. Auch in Städten wie Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf  finden schon seit einigen Zeit Infoveranstaltungen statt. Der Verein No Loverboys geht aber davon aus, dass es in ländlichen Bereichen immer mehr zum Thema wird und daher an die Öffentlichkeit gebracht werden muss. Für die Veranstaltung im EN-Kreis ließen sich Gudrun Hansen, Leiterin des Jugendzentrums in Haßlinghausen und die Schulsozialarbeiterinnen der Gesamtschule, Lena Hilgendiek und Christine Niephaus schnell ins Boot holen. Unterstützt wurde Frau Kannemann  auf dem Podium von Uwe Kreis und Sven Flüggel vom Opferschutz der Kreispolizei und Isabell Diehl vom Weißen Ring, der Anwältin Heike Tahden-Farhat sowie Geraldine Dura von der Profamilia EN-Südkreis. Sie berichteten über Hilfsangebote und Anlaufstellen in der Nähe und ermutigten alle Anwesenden, sich in Verdachtsfällen schnell Hilfe zu holen.

Christine Niephaus

Hier sind einige Links zu Seiten der beteiligten Vereine und Einrichtungen.