72 Stunden "Profi" im Reichstag

    Westfälische Rundschau (WR) und WAZ
    Samstag, 27. September 2003

    72 Stunden "Profi" im Reichstag

    400 junge Menschen erhalten Einblick in die Arbeitsweise des Parlaments

    Polit-Profis unter sich im Plenarsaal des Reichstages: Alwine Glanz und MdB Christel Humme (SPD).
    Polit-Profis unter sich im Plenarsaal des Reichstages: Alwine Glanz und MdB Christel Humme (SPD). - Bild: privat

    "Politiker sind ganz normale Menschen." Um diese Erfahrung ist Alwine Glanz reicher. Auf Einladung der heimischen Bundestagsabgeordneten Christel Humme (SPD) führte die 18-jährige Sprockhövelerin in Berlin drei Tage das Leben eines "Polit-Profis".

    Im Reichstagsgebäude konnten 400 junge Menschen aus der ganzen Republik einen Einblick in die Arbeitsweise des Parlaments bekommen. Bundestagsabgeordnete hatten zu der Veranstaltung "Jugend und Parlament" jeweils einen Jugendlichen aus ihren Wahlkreisen nach Berlin eingeladen.

    Der tägliche Kampf um das Beste fürs Land

    Für Alwine Glanz standen neben den Beratungen im Arbeitskreis Globalisierung, wo sie der Frage "Ist der Wohlfahrtsstaat ein Standortnachteil?" nachging, auch Debatten und Abstimmungen im Plenarsaal selbst an. Ein Ereignis, denn der Plenarsaal bleibt sonst einzig und allein Abgeordneten, Stenographen und Saaldienern vorbehalten. Wie müßig der Parlamentsalltag sein kann, durfte Alwine am eigenen Leib erfahren: "Der Lösungsansatz, den wir gefunden haben, um Deutschland attraktiver zu gestalten, greift mir zu kurz", konstatiert sie. "Statt einzig die Bildung zu stärken und Steuersubventionen durchzusetzen, hätte ich mir einen internationaleren Ansatz gewünscht", fügt sie professionell an. Doch sie musste sich der Mehrheit beugen. Sie wurde im Arbeitskreis überstimmt. Politik eben. Im Plenum aber konnte die angehende Abiturientin einige zentrale Reformen mit auf den Weg bringen. So beschloss das Jugendparlament - natürlich fiktiv - die Abschaffung der Wehrpflicht und stimmte über zahlreiche andere aktuelle bundespolitische Fragen ab.

    Begegnung in gleicher Augenhöhe

    Ein schlechtes Gewissen musste die Sprockhövelerin beim Hand heben nicht bekommen: "Ich habe nur in Fragen abgestimmt, in denen ich mich auskannte - sonst habe ich mich enthalten." Alwine hatte unter den "Polit-Profis" für 72 Stunden weniger parteigebundene Jugendliche erwartet. Häufig sei sie erst nach der Parteizugehörigkeit, dann nach dem Namen gefragt worden. Sie selbst war von Christel Humme nicht wegen ihres Parteibuches, sondern wegen ihrres Engagements in Schülervertretung und Theatergruppe der EN-Gesamtschule eingeladen worden. "Ich halte es für wichtig, dass Politiker Jugendlichen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Wir profitieren, wenn wir nicht über, sondern mit Jugendlichen diskutieren", sagte Humme, die Sprecherin der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend der SPD-Fraktion. Ihren Stuhl hat Christel Humme für Alwine gerne geräumt.