Auschwitz - Ein Ort, der an unsere Verantwortung erinnert - Bericht über ein Projekt mit deutschen und polnischen Jugendlichen


Es ist Donnerstag, still und bedrückt nehmen wir an einer Führung durch das Konzentrationslager Auschwitz teil. In den Lagerblocks ist das Grauen und der Schrecken des Lageralltags greifbar. Wir sehen kahle Räume, in denen Hunderte von Gefangenen eingepfercht waren und auf dem nackten Boden - nur mit einer dünnen Schicht Spreu bedeckt- schlafen mussten. Unser polnischer Begleiter berichtet von der Grausamkeit und Gnadenlosigkeit der KZ- Aufseher und den Schrecken des Alltags im KZ, von Hunger, von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen, von den stundenlangen Appellen bei bitterer Kälte und von drakonischen Gruppenstrafen, wenn es zu Widerstand oder Ausbruchsversuchen kam. Wir sehen die Galgen auf dem Gelände, an denen Häftlinge zur Abschreckung öffentlich aufgehängt wurden und sogenannte „Stehzellen“, in denen Menschen tagelang eingesperrt wurden, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu bewegen oder sich hinzusetzen. Es gibt ein eigenes Gebäude für Strafaktionen, Verhöre, Folter und Exekutionen. Schließlich stehen wir vor der „Schwarzen Wand“, einem Kugelfang aus schwarzen Isolierplatten, an der tausende Todesurteile gegen polnische Zivilisten, Widerstandskämpfer und KZ- Häftlinge vollstreckt wurden.

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Wir erfahren von medizinischen Experimenten mit Menschen, auch mit Kindern, und von der unvorstellbaren Willkür und Grausamkeit, der die Menschen im KZ ausgesetzt waren. Erschreckend ist die systematische fabrikmäßige Ermordung der Juden. Auch wenn wir uns auf diesen Besuch vorbereitet hatten, der Anblick der Berge von Brillen, Schuhen und menschlichen Haaren macht uns sprachlos und traurig. Hinter all diesen Dingen stehen grauenvolle Einzelschicksale.

Wir fahren in das drei Kilometer entfernte Außenlager Birkenau, das größte aller Vernichtungslager der Nazis. Dorthin brachten die Nazis die Juden, die sie aus Europa „austilgen“ wollten. In mehreren Krematorien (Gaskammern) wurden hier täglich Hunderte von Menschen getötet. Frauen, Kinder und alte Männer, die sich aus Sicht der SS nicht als Arbeitssklaven eigneten, wurden direkt vom Bahnsteig in die Gaskammern geführt. Ihre Asche wurde auf den Feldern als Dünger verstreut. Etwa eine Million Juden starben in den Lagern von Auschwitz.

Auschwitz ist ein großer Friedhof und ein Mahnmal. Darum „darf das Erinnern nicht aufhören, denn ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft“ (Roman Herzog, ehem. Bundespräsident).

Unterstützt vom Deutsch Polnischen Jugendwerk führt die Wilhelm-Kraft-Gesamtschule immer wieder Austauschprojekte mit dem St. Kinga Gimnazjum in Wojnicz durch. Die gemeinsame Geschichte ist jedes Mal ein Schwerpunkt. Aber auch das Kennenlernen der anderen Kultur und der persönliche Kontakt in den Gastfamilien trägt zum Abbau von Vorurteilen und zur gegenseitigen Akzeptanz bei.

Der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz wurde in beiden Schulen durch mehrere Treffen vorbereitet. Zu Beginn der Austauschwoche besuchten die Jugendlichen die Ausstellung zur Besatzung Krakaus durch die Deutschen in Schindlers Fabrik und erhielten eine Führung durch das ehemalige jüdische Viertel in Krakau (Kazimierz), in dem damals 68 000 Juden lebten. Die Führung endete im Krakauer Ghetto, in das die Juden vertrieben wurden. Auf dem Platz der Ghettohelden erinnern 68 leere Stühle aus Bronze an ihr Schicksal.

Am letzten Tag des Austausches stand das gemeinsame Tun im Vordergrund. Auf einem Bauernhof backten die Jugendlichen gemeinsam Brot und Kekse – eine vergnügliche und zugleich symbolische Gemeinschaftsaktion.
Der Schüleraustausch in diesem Jahr hatte einen besonderen Schwerpunkt. Es ging um die Teilnahme am Projekt „Wege zur Erinnerung“ und richtete sich vorwiegend an ältere Jugendliche.

Wie in jedem Jahr war es aber auch besonders wichtig, das Leben in den Gastfamilien und die andere Kultur kennenzulernen. Inzwischen sind Freundschaften entstanden und manche Schüler/innen stellten zu ihrer Überraschung fest, dass bereits ein Bruder oder eine Schwester ihres Austauschpartners in Deutschland zu Besuch gewesen war. Auch in diesem Jahr war die Gastfreundschaft der polnischen Familien sehr herzlich. Es gab nicht nur gutes Essen und viele Süßigkeiten, sondern die polnischen Gasteltern bemühten sich auch um ein spannendes Freizeitprogramm. In mehreren Sprachen, zur Not mit Händen und Füßen gelang die Verständigung problemlos.

Neben dem historisch- politischen Programm gab es auch Freizeit und viel Spaß. Die Jugendlichen lernten den kleinen Ort Wojnicz und die Stadt Tarnow kennen. Wir machten zwei Ausflüge nach Krakau, so dass auch genügend Gelegenheit zum Bummeln und zum Shopping war. (Schuhe scheinen in diesem Jahr besonders beliebt zu sein.)

Besonders lustig war der letzte Tag auf einem Bauernhof. In einem großen Bottich wurde Teig für 35 Brote geknetet. Alle Teilnehmer mussten tatkräftig mitarbeiten, das galt auch für die begleitenden Lehrpersonen. Es war gar nicht so einfach, weil der Teig sehr zäh war, aber es gab viel zu lachen. Die Fortgeschrittenen durften anschließend leckere Kekse backen. Natürlich gab es ein landestypisches Mittagessen: saure Suppe, Pfannkuchen und die selbstgemachten Kekse. Während wir darauf warteten, dass unsere Brote ausgebacken wurden, versuchten einige Jugendliche, die Tiere des Bauernhofs spazieren zu führen. Die Ziegen setzten sich in den meisten Fällen durch, sie waren irgendwie stärker.

Später gab es in der Schule nach der Auswertung des Projekts noch einmal ein leckeres Büffet mit Salaten und Kuchen. Danach erfolgte die offizielle Verabschiedung durch den Bürgermeister und die Schulleiterin. Die polnischen Gastgeber waren vor allem erfreut darüber, dass dieses Mal unser Schulleiter, Herr Uessem an dem Austauschprojekt teilgenommen hat, weil dadurch deutlich wird, wie wichtig uns diese Schulpartnerschaft ist.

Am Abend fiel uns allen der Abschied schwer, aber wir freuen uns schon jetzt auf den Gegenbesuch unserer polnischen Freunde im Mai des kommenden Jahres.

Marion Frigge / Mariette Kersting-Amling